Die Dekadenten
"Ich verschwende meine Arroganz nicht an Minderwertige."


Der große Knall schlug ein, fegte gesellschaftliche Strukturen hinweg und mischte die Karten neu. Der kräftige Maurer überlebte möglicherweise besser als der schwächliche Yuppie. Doch es bedarf nur eines Minimums von zwei Personen, um wieder eine Gesellschaft zu schaffen, die auf Standesunterschieden beruht.

Vierhundert Jahre nach dem Weltenbrand haben sich solche neuen sozialen Ordnungen gegründet. Neue herrschaftliche Schichten betrachten ihre Untertanen oder Tributpflichtigen über die hoch getragene Nase hinweg. Und natürlich wollen sie ihren Status zur Schau stellen: mit Ringen, Schmuck, teuren Stoffen, Parfüm, und mit Kopfbedeckungen, die ihren Träger gleich einen halben Schritt größer wirken lassen. Man schützt die empfindliche Nase mit einem Pomander vor dem abstoßenden Geruch des Pöbels, die gepuderte Haut mit einem Schirm vor der Sonne.


Einem heutigen Menschen mag ihre Ausstaffierung nicht nur übertrieben theatralisch, sondern auch entsetzlich krude erscheinen: grobe Stickerei, fleckiger Brokat, Schrotteile als Schmuck, schimmelige Perücken. Doch für das gemeine Volk sind sie wie Götter, die von ihrem Olymp herabgestiegen sind. Sie lassen sich kaum herab, mit denen zu sprechen, die sich tiefer auf der sozialen Leiter befinden. Oft gibt es eine eigene Klasse von Leibdienern oder Verwaltern, die als ihr Sprachrohr gegenüber den ungewaschenen Massen fungieren – und in dieser Position die eigentliche Macht in Händen halten.

Hinter der – oft aufgesetzten – Fassade von Affektiertheit und Desinteresse verbirgt sich manchmal der wache Verstand eines politischen Raubtiers, der in zahllosen Intrigen geschärft wurde. Der selbsternannte Adelige weiß in der Regel, dass sich sein Statur letztlich nur auf die Gewalt der Bajonette stützt, und umgibt sich mit einer Leibgarde, die das an Brutalität und Kampfkraft aufbringt, was ihm selbst abgeht.


Der Dekadente giert nach dem prallen Leben, das seine Langeweile vertreiben soll, und so feiert er Orgien, gibt rauschende Bälle, foltert ein paar Leibeigene zum Zeitvertreib oder wohnt den blutigen Darstellungen der
Gladiatoren bei. Mancher hält sich ganze Scharen von Apokalyptikern, die ihn mit Burn und Mätressen versorgen. Der eine oder andere geht mit einem (sehr nervösen) Tross von Leibwächtern auf Reisen in zwielichtige Gegenden, um sich von den Possen des Pöbels unterhalten zu lassen.