Die Welt des Degenesis-LARP


Primal Punk


Unser LARP-Projekt spielt nach dem Hintergrund des Rollenspiels Degenesis, das vom SighPress-Verlag herausgegeben wurde. Wir haben uns für diesen Hintergrund einerseits entschieden, weil er frei verfügbar ist (das Grundregelwerk ist kostenlos auf der Website des Verlags herunterladbar), zum anderen, weil die Autoren und Illustratoren es verstanden haben, eine ungemein stimmungsvolle Hintergrundwelt zu erschaffen. Insbesondere die Fülle von gelungenen Illustrationen ist ein ständiger Ideenanstoß zu Kostümen und Spielfiguren – ein wichtiger Faktor in einem visuellen Hobby wie dem Liverollenspiel.

Dass die Gestalten in Degenesis keine strahlenden Helden sind, liegt beim Endzeit-Genre ja nahe. Aber die Welt dieses Spiels ist deshalb so fühlbar und glaubhaft, weil ihre Gestalten so viele menschliche Schwächen haben. Der ehemalige Wiedertäufer-Kriegsheld, dem die Gebrechen des Alters zu schaffen machen und der von seinem vergangenen Ruhm zehrt; der Apokalyptiker, der in einem Moment der Schwäche seine Schar verriet und an den Gewissensbissen zu zerbrechen droht; die Aussteigerin, die ihrem Kult den Rücken gekehrt hat und in einer Bauerngemeinschaft ihrer Vergangenheit zu entkommen hofft; der brutale Grubenkämpfer, der in seiner Freizeit in der Bibliothek seines verstorbenen Vaters romantische Werke liest: sie alle sind menschlich, allzu menschlich.

Zudem führt die Reise in diesem Spiel immer auch in den eigenen Kopf. Jeder kämpft mit seinen eigenen Dämonen, muss seinen eigenen Platz in dieser kaputten Welt, seine eigenen Antworten finden. Und wenn man zu lange in den Abgrund hineinschaut, nun, dann schaut der Abgrund auch in einen selbst hinein.



Endzeit: Nach dem großen Knall


In der fiktiven Welt von Degenesis wurde die Erde von einer kosmischen Katastrophe heimgesucht: dem Eshaton. Ein Schwarm riesiger Meteoriten riss gewaltige Krater, erzeugte neue Gebirge und Wüsten, veränderte das Klima. Das heutige Europa wurde umgekrempelt wie ein alter Ärmel.

Die Primer-Materie – erschreckendes Zeug aus dem Weltraum, von den Meteoriten eingeschleppt – machte sich soort ans Werk und begann, die Gene von Menschen und Tieren zu verändern, sie in ein Kollektiv (das Noumenon) zu pressen. Diese sogenannten Psychonauten entwickeln übernatürliche Fähigkeiten, bezahlen aber mit ihrer Individualität; sie werden zu willenlosen Werkzeugen des Kollektivs:

Die frankischen Pheromanten kontrollieren mit ihren betörenden Sekreten ganze Schwärme willenloser Menschen; die balkhanischen Dushani weben ein Netz von verstandraubenden Klängen über die Bergketten des Balkhan; in Hybrispania wispern die Prägnoktiker ihr Wissen über die Zukunft in die Eingeweide von Muscheln; die purgischen Psychokineten gebieten über zerstörerische Kräfte und spinnen ihre hauchfeinen Filamente quer über die vulkanischen Hänge des ehemaligen Italien; Pollen kennt die Biokineten, die ihren eigenen Körper grotesk verändern.

Psychonauten sind relativ selten; viel häufiger trifft man auf die Sporen eines Pilzes, der sich als ideales Rohmaterial für den Primer erwies. Gewaltige Sporenfelder breiten sich von den Kratern ausgehend über Europa aus. Sie befallen Menschen und Tiere und benutzen sie als Nährboden; zugleich erzeugen sie Halluzinationen und Wahnvorstellungen – der Verstand des Menschen war für den Kontakt mit dem Noumenon nicht geschaffen. Viele bezahlen eine Versporung mit dem Verlust des Verstandes, lange bevor die Pilzmyzele ihre Lunge zerstört haben. Europa droht an den ständig wachsenden Sporenfeldern zu ersticken. Immer dichter wird das Netz, und immer stärker wird das Noumenon

Besonders Insekten sind in Scharen in diesem Kollektiv aufgegangen. Riesige Schwärme von ihnen fallen in die Städte und Dörfer ein, vernichten Ernten und tragen die Saat der Sporen zu den Menschen. Noch nie war das Überleben des Menschen so prekär wie jetzt.


Neue Kulte

Trotz der ständigen Bedrohung durch den Schwarm, die Sporen und die Psychonauten hält sich die Menschheit tapfer. Man trotzt den Sporen urbares Land ab, fängt die Insekten in Brandgräben, tötet die absonderlichen Kinder, wo sie geboren wurden. Mancherorts hat man sich arrangiert; in Franka unterwirft man sich den herrschenden Pheromanten und erfüllt ihre lüsternen Wünsche. Im Balkhan sieht man die Dushani als wilde Berggeister, vor denen man sich in Acht nimmt. Manche Gemeinschaften sehen in den Psychonauten göttliche Wesen und gewähren ihnen Zuflucht.

An die Stelle von Nationen oder Glaubensrichtungen sind in der Zeit von Degenesis die Kulte getreten; jeder Kult prägt mit seinem Lebensstil und seinen Ansichten seine Anhänger. Von den Technikdrohnen der Chronisten bis zu den primitiven Ziegenhirten der Jehammedaner, von den wilden, freien Apokalyptikern bis zu den zwanghaften Spitaliern reicht das Spektrum. Daneben gibt es zahllose Sippen auf allen Stufen von Technik und Zivilisation: kannibalische Wilde, die kaum des Grunzens mächtig sind, ebenso wie mit Dampfwaffen und zusammengesetzten Autos ausgestattete Stämme.

Der Mensch kämpft ums Überleben, und oft genug kämpft er gegen seinesgleichen. Auch lange nach dem Eshaton sind Ressourcen noch knapp, der Lebensraum wird enger, und das macht die Menschen einander zu Wölfen. Man stößt die Schwachen in den Staub und raubt ihnen die kümmerliche Habe. Andere wiederum wachsen gerade unter diesen Umständen über sich hinaus und zeigen menschliche Größe. Zügellose Brutalität ist ebenso möglich wie selbstlose Hilfe, Sadismus trifft auf Selbstkasteiung, extreme Aufopferung für ein Ideal ebenso wie krasser Hedonismus.