intervall.1
Begegnung am Wegesrand
Mini-Endzeit-LARPi nach Degenesis
02.07.2011




Eine Reihe schmutziger, ölgetränkter Lappen, um Stöcke gewickelt, die man in den sumpfigen Boden gerammt hat. Sie geben noch einen schwachen Geruch von sich, ein undefinierbares Aroma wie von Zimt und Veilchen. Künstliche Pheromonmarker, von den Spitaliern aufgestellt, um Schwärme von Viechzeug aus dem verfluchten Franka umzulenken. Diese hier haben es hinter sich: der letzte Regenguss hat sie durchweicht und unwirksam gemacht. Ein Insekt müsste schon reichlich dämlich sein, um diese Dinger noch für seine Schwarmkönigin zu halten.

Das hier ist also die Grenze. Irgendwie hätte man etwas Beeindruckenderes erwartet, wenn keine zwei Tagesmärsche weiter westlich schon der Feind steht: dort stößt man auf die ersten Pheromantennester. Die Spitalier patrouillieren das Gebiet, will sagen, es kommt möglicherweise einmal die Woche ein Trupp müder Famulanten mit Blasen an den Füßen vorbei. Was das Konsultantengremium im Spital nicht wahrhaben will, kapiert auch der dümmste Famulant sofort bei der Ankunft: diese Grenze ist zu lang, um auch nur annähernd kontrolliert zu werden. Trotzdem: Order ist Order. Und so schleppen sich die Trupps von Marker zu Marker und fragen sich dabei, was sie eigentlich noch groß von den Insekten unterscheidet.


Wer keine Lust auf lästige Fragen nach dem Woher und Wohin hat und auch nicht den Drang nach einer intensiven körperlichen Untersuchung auf Sporen und Konterbande verspürt, der vermeidet die Spitalierposten und hält sich an die Schmugglerpfade. Eingeweihte schaffen es hier, von Ramein bis nach Nancy zu gelangen, ohne einmal einem Neoprenträger zu begegnen. Alte Fabrikhallen oder Tunnel bieten Schutz vor Regen und Wind und Entdeckung. Selten einmal stößt man hier auf andere Menschen.

Zu dem Geruch von Zimt und Veilchen hat sich eine andere, schärfere Note gesellt: Rauch von einem Lagerfeuer. Die alte Paranoia regt sich wieder, die einem hier im Ödland oft genug das Leben rettet. Feuer bedeutet andere Reisende. In dem einsamen Wanderer ringt die Vorsicht mit der Sehnsucht nach Gesellschaft – nach einem freundlichen Wort, nach einer Geste, nach dem Anblick anderer Menschen. Und verliert.





Ankunft

Eine malerische Gesellschaft hat sich hier auf dem Schmugglerpfad getroffen: überwiegend Schrotter und andere Wanderer im Ödland. Aber man sieht auch die Schlapphüte mehrerer Richter, zwei Wiedertäufer mit tätowierten Punkten auf den Stirnen, Apokalyptiker-Elstern wie ein Bukett exotischer (und giftiger) Blüten aus den hybrispanischen Dschungeln. Ein Mann in Hut und Weste behauptet, ein Hellvetiker zu sein, dem Harnisch und Waffe gestohlen worden seien; ein Purger in Rüstung nickt und lächelt, glaubt aber sichtlich kein Wort. Daneben wirkt ein hochaufgeschossener Sippling fehl am Platze, mit den getrockneten Africanerschädeln an seinem Gürtel.

Man entfacht Feuer und holt Dörrfleisch aus den Rucksäcken; manch einer zündet im Überschwang der Gastlichkeit eine Pfeife an und lässt sie herumgehen. Schon ist vergessen, dass man sich hier an der frankischen Grenze irgendwo zwischen den Fronten der Spitalier und der Froschfresser befindet...





Ankunft
Merkwürdige Gefährten

Wiedertäufer an der Grenze

Die Punkttätowierung auf der Stirn und der Nasenring weisen diese beiden Wanderer zweifelsfrei als Wiedertäufer aus. Verstärkung für die Truppen in Bassham? Die falsche Route, wenn man nicht den Einflüsterungen der Pheromanten erliegen will. Deserteure also? Wen schert es. Man ist froh, diese beiden harten Kämpfer an seiner Seite zu wissen, hier im frankischen Grenzland.

Der Purger gibt sich wortkarg, aber sein borcischer Gefährte erklärt gerne die Vorzüge seines Streitkolbens gegenüber einer Feuerwaffe: die Munition geht nie aus, und eine Ladehemmung ist auch nicht zu erwarten. Der Reichweitennachteil, werfen wir ein? Er lächelt und erwidert: Hier kommt der Glaube ins Spiel.




Wiedertäufer
Am Rande des Verderbens

Der Franker

Auf der Hügelkuppe erscheint eine magere Gestalt in einem frankischen Gehrock, die Augen hinter Lochscheiben verborgen, und richtet einen kleinen Sechsschüsser auf die Gesellschaft. Laut und mit starkem Akzent ruft er, "Wanderer! Sie betreten la domaine de Markurant!" Er fordert die Grenzgänger auf, vom Gepäck zurückzutreten, damit er es durchsuchen kann. Die meisten gehorchen, doch Tarn Radbod bleibt herausfordernd stehen. Ob der Franker zählen könne? Sechs Schüsse im Revolver, gegen zwanzig Mann?

Der Franker bleibt unbeugsam: irgendetwas, ein verborgener Zwang treibt ihn an. Er beginnt das Gepäck zu durchwühlen, da spürt er plötzlich den kalten Lauf von Radbods Richterpistole im Nacken. Sofort schlagen bei ihm die Gefühle um, er verfällt in Raserei. Er schlägt die Mündung beiseite, fällt den Richter mit einem Hieb, – doch dann sind die anderen da. Schläge prasseln auf ihn ein, und er sinkt bewusstlos auf den harten Boden.

Man sollte meinen, diese rauhe Behandlung sollte ihm den Kopf zurechtgesetzt haben. Doch als man ihn mit kaltem Wasser wiederbelebt, hat er nichts Besseres zu tun, als sich wie im Wahn wieder auf das Gepäck der Fremden zu stürzen. Schließlich nimmt ihn Jax vom Krupp-Kartell unter seine Fittiche und bringt ihn zum Lager der Schrotter hinüber.





Der Franker
Vorbote der Fäulnis

Das Krupp-Kartell

Drei
Schrotter aus Ramein und ihr Liebchen haben abseits von den anderen ihr Lager aufgeschlagen. Hierhin bringt Jax den halb bewusstlosen Franker. Trink, Fremder! Cherry, die Schrotterbraut, ist misstrauisch, doch die drei Männer versuchen, ihm gut zuzureden. Vorurteile sind schlecht fürs Geschäft, sagt Jax.

Bei einem Becher Destillat zeigt sich der
Franker umgänglich. LeFèvre heiße er, sagt er, und seine Aufgabe sei es, das Gepäck von Fremden auf Schmuggelgut zu durchsuchen. Marduk-Öl, Preßluftatmer, Medikamente, alles, was den spitalischen Terroristen in seinem Land bei ihrem Zerstörungswerk dienlich sein kann. Soweit kann man ihn verstehen, doch die Dringlichkeit, die Unausweichlichkeit seines Handelns ist den Schrottern nicht verständlich.

Den Befehl, sagt
LeFèvre, er habe ihn geschmeckt im Honig der Königin. Dem könne er nicht zuwiderhandeln. Er preist den Frieden in seiner Schlotstadt, die Herrlichkeit des gotthaften Markurant, der dieser zerrissenen Domäne den Frieden gebracht habe. Unvermittelt verfällt er in tiefe Verzweiflung, seinen Auftrag nicht erfüllt zu haben – gefühlsmäßig scheint der Froschfresser nicht der Stabilste zu sein, er fällt von einem Extrem ins andere.

Das Motto des Krupp-Kartells ist "Wir besorgen es Dir!". Und so schließen
Jax, Flex und Ivan mit LeFèvre einen Handel. Gegen den Revolver des Frankers besorgen sie ihm ein Reagenzglas mit einer bestimmten Flüssigkeit zurück, das die Richter konfisziert haben. In der Zwischenzeit bleibt der Franker zurück und starrt auf das Geschenk, das ihm das Kartell gemacht hat: ein Foto, vergilbt und fast zerfallen, von einem palastartigen Gebäude der Vorzeit. Die klare und doch komplexe Linienführung versetzt sein empfindsames Gemüt in Verzückung.

Was hat es mit der Flüssigkeit auf sich? Der
Franker nimmt Jax beiseite und zeigt ihm die Phiole. Das Sekret des Gottgleichen, ein paar Tropfen, raunt er ihm zu – dann öffnet er mit einer schnellen Bewegung den Stöpsel. Die Augen des Schrotters werden glasig. Willenlos lässt er sich von LeFèvre manipulieren, und der schickt ihn ins Lager der Feinde, um das Gepäck zu durchsuchen.





Das Krupp-Kartell
Schrotter an der frankischen Grenze

Die gerechte Faust

Jax hat bei seinem unfreiwilligen Auftrag wenig Erfolg. Nachdem er mit einer großen Beule am Hinterkopf wieder aufgewacht ist, hat er ein Hühnchen mit dem Froschfresser zu rupfen. Der Kampf ist kurz: die schmale Gestalt des Frankers hat dem trainierten Grubenkämpfer nichts entgegenzusetzen. Und so liegt LeFèvre schnell am Boden. Cherry trumpft auf: sie habe es gleich gesagt, dass man dem nicht trauen könne! Das Keifen wird ignoriert, und die Männer des Kartells überlegen, ob sie den Franker verrecken lassen sollen – oder ob man ihn einer Heilbehandlung unterziehen und dann am Strick tanzen lassen soll. Das empfände Jax als wesentlich befriedigender.

Die Diskussion zieht sich hin, und irgendwann hört der
Franker auf zu atmen. So war das nicht gedacht! Jax versucht ihn zu beatmen und fängt sich dabei einen Mundvoll Sporen ein: der verfluchte Froschfresser war leperös!

Inzwischen sind auch die
Richter auf dem Plan erschienen. Protektor Radbod fordert die Umstehenden zum Zurücktreten auf. Seine Vagantin Cara richtet auf ein Nicken hin den Franker mit einem Schuss. Um die Versporung einzudämmen, wird der Leichnam verbrannt. Aus den Flammen fällt ein versengtes Foto: das Gebäude, das den Franker so bewegt hat. Ein letztes Geräusch wie ein Seufzer aus der knisternden Asche, dann ist die Bedrohung ausgelöscht.

Inzwischen hat sich zu den
Protektoren Hegel und Radbod und der Vagantin Bolage noch ein Advokat gesellt. Aristide Fechner ist ein Vertreter der harten Linie. Hegel und Radbod schauen halb amüsiert zu, wie der Schiedsmann sich mit den Schrottern abmüht, und erteilen ihm dann den gutgemeinten Rat, auch mal fünfe gerade sein zu lassen. Schließlich ist man hier nicht im Protektorat.





Richter
Am Rande des Protektorats

Die Apokalyptiker

Lasziv räkeln sich die
Elstern und schauen herausfordernd in die Runde. Nicht das Verhalten, das man von vernünftigen Leuten hier an der gefährlichen frankischen Grenze zu erwarten hätte, aber hier handelt es sich um Apokalyptikerinnen: die lachen der Gefahr ins Gesicht und verlangen noch nach mehr.

Zumindest ist das die Theorie. Die rundliche
Elster scheint doch Sorgen zu haben; sie verbirgt ihr Gesicht mit einem schwarzen Kopftuch und meidet die Gegenwart der Richter wie der Demiurg das Taufwasser. Protektor Radbod spricht sie an, dass sie ja Tala von der Abendseglerschar wie aus dem Gesicht geschnitten sei, die wegen tätlichen Angriffs auf einen Richter von der Justiz gesucht werde. Sie beteuert: Nein, ich bin meine Schwester Bertha! Hier im Ödland fühlt sich der Vollstrecker nicht genötigt, der Sache auf den Grund zu gehen.

Inzwischen hat sich die
Hybrispanierin Kitty bereits dem Geschäftlichen zugewendet. Dem versporten Jax verkauft sie eine Flasche, die sie einem Spitalier stibitzt hat – vermutlich sei da Ex drin, sagt sie. Der arglose Schrotter bezahlt und schluckt das Zeug. Nach kurzer Zeit setzen bei ihm Lähmungserscheinungen ein. Es handelte sich wohl um Gift.

Advokat Fechner stellt Nachforschungen an; aber zwei Zeugen erklären unabhängig voneinander, dass die Elster klar und deutlich gesagt habe, sie wisse nicht, was in der Flasche sei. Darauf stellt der Advokat die Ermittlungen ein – sinnlos, sich hier im Ödland mit Fragen nach Vorsatz und Schuld zu befassen.

Die
Apokalyptikerinnen revanchieren sich auf ihre Weise: der gelähmte Schrotter wird von ihnen mitgenommen und solange "bearbeitet", bis er seine Arme wieder bewegen kann und ein breites, dümmliches Grinsen auf sein Gesicht gezaubert wurde.

Zuletzt spricht "
Bertha" Protektor Radbod an. Die Anklage gegen Tala sei falsch... sie könne das bezeugen, unter einer Wahrheitsdroge – die Kitty zufällig in ihrem Gepäck hat. Radbod erklärt sich bereit, die Aussage anzunehmen. Falls die Spitalier die Echtheit der Droge bestätigen. Irgendwie erleichtert, aber voller düsterer Vorahnungen kehrt Tala ins Lager zurück: unter den wachsamen Augen der Richtschaft, aber vorerst als freie Frau.





Apokalyptiker
Feuer im Blut, Blut an der Klinge